Während du schläfst


Während du schläfst, füllt mein Federhalter
kleine Papierfetzen mit Bildern,
die hinter mir her flattern,
als wäre ich ein Drachen
und hätte lauter bunte Fähnchen an der Schnur.
Während du schläfst, zieht mein Federhalter
über dein gleichmäßiges Atmen
einen zarten blauen Strich.
Wie ein nächtlicher Rosenverkäufer
fühle ich mich, der vor der Arbeit
an einem Cafétischchen seine Rosen zählt
und feststellt, daß eine einzige fehlt.
Während du schläfst, schreibe ich unermüdlich,
so wie dein Herz schlägt,
so wie es Leben einfließen läßt
in das Gefäß deines Körpers, unermüdlich.
Und die Rose?
Habe ich sie etwa an dich verschenkt,
bevor sie irgendein Herr hätte kaufen können
für seine billige Eine-Nacht-Geliebte?


„Paris – 46 Szenen aus dem Bauch der Stadt“,  1994
(mit Harald Fuchs)



Hotelzimmer Paris